Heute habe ich, weil die Sonne so schön geschienen hat, wieder den gleichen Spaziergang gemacht wie neulich - ach! Ich werd hier noch ein richtiger Wandersbursch - und als ich wieder zurückkam, musste ich folgende Beobachtung machen, die mich doch nachdenklich stimmte. Wer mein Tagebuch öfter liest, der wird schon wissen, dass sich in unmittelbarer Nähe meines Arbeitsplatzes ein Krankenhaus befindet (ich hab jetzt leider keine Zeit, das Link herauszusuchen). Dieses Krankenhaus besteht aus zwei Flügeln, dazwischen eine kleine Straße (Ambulansgatan) und über der Straße ein freihängender Durchgang, der die beiden Flügel des Krankenhauses verbindet. Wer schon mal in Venedig war, der kann sich das so ähnlich wie die Seufzerbrücke vorstellen, die über einem kleinen Kanälchen die Bleikammern mit dem Folterkeller verbindet. Dieser Vergleich ist nicht nur aus architektonischen Gründen passend, wie Ihr gleich erfahren werdet, es gibt aber doch einen wesentlichen Unterschied: im Gegensatz zur Seufzerbrücke ist die Ambulansbrücke, wie ich sie der Einfachheit halber nennen möchte voll verglast. Ich stand also unter der Ambulansbrücke und sah hinauf, durch das Glas mitten in die Brücke hinein.

Es kommen von links zwei Schwestern und schieben ein Bett. Im Bett liegt ein Patient in himmelblauer Patiententracht, sich mit ausgemergelter Hand am Galgen festklammernd. Das Bett wird über die Ambulansbrücke geschoben und verschwindet rechts aus meinem Blickfeld. Zwei Minuten später. Es kommen zwei Schwestern von rechts. Sie schieben ein Bett. Dieses Bett ist leer. Diese Schwestern samt Bett verschwinden nach links. Zwei Minuten später. Es kommen drei Schwestern von rechts. Zwei Schwestern schieben ein Bett mit einer hochbetagten Patientin darin. Die dritte Schwester schiebt ein Gestell mit einer Infusionsflasche daran, die über mehrere Schläuche mit der Patientin verbunden ist. Schwestern, Bett, Flasche und Patientin verschwinden kurz darauf nach rechts. Dann kommt wieder ein leeres Bett von rechts nach links. Insgesamt habe ich drei Betten mit Patienten von links nach rechtes und vier leere Betten von rechts nach links transportiert werden sehen, und kein einziges in die andere Richtung.

Was hat das zu bedeuten?

Wo kommen die Patienten hin? Was passiert mit ihnen?

Ich musste in den letzten Jahren immer wieder lesen, dass es mit den schwedische Gesundheitssystem nicht gerade zum besten steht, dass die Leute mit einem eingewachsenen Zehennagel eingeliefert werden, und mit einer TBC, die sie sich im Krankenhaus geholt haben, wieder rauskommen. Dass hoffnungslos gestresste und überforderte Schwestern Medikamente verwechseln. Dass Ärzte vor Überlastung am OP zusammenbrechen.

Zwar gibt sich die Gesundheitsverwaltung rechtschaffen Mühe, dem Personalmangel abzuhelfen. In allen Tunnelbanor hängen jetzt Plakate auf den zwei mürrisch-finster dreinblickende Walküren im roten Kittel (die Krankenschwestern in Schweden tragen bisweilen nicht weisse sondern rote Tracht, ähnlich dem Personal des gleich neben dem Krankenhaus befindlichen Magda's Grillimbis) mit sarkastischem Grinsen fragen "Willst Du eine von uns werden?". Allein, es hilft nicht. Das schwedische Gesundheitssystem ist unwiderruflich in der Auflösung begriffen.

9. März 2000

Dabei ist mir eine weiter Beobachtung wieder eingefallen, die mir schon gleich nach meiner Ankunft in Schweden aufgefallen ist, an die ich mich aber inzwischen schon so gewöhnt habe, dass ich sie eigentlich schon wieder vergessen habe. Nämlich, die fast schon aufdringlich riesigen offenen Fenster. Natürlich sind die Fenster zu, aber sie sind offen zum Reinschaun. Keine Jalousien, keine Gardinen, allen falls ein kleiner Blumentopf auf dem Fensterbrett. Natürlich habe ich bei mir selbst nie Vorhänge zugezogen, aber bei andern Leuten irritiert mich das. Vor allem, weil es die Hälfte des Jahres ziemlich früh schon draussen dunkel wird, und in den Zimmern die Lichter brennen. Eigentlich bin ich ja ein Mensch, der die Privatsphäre anderer unbedingt respektiert, aber andererseits weckt die Tatsache, ständig anderen Leuten zuschaun zu können, ohne selbst gesehen zu werden, den unwiderstehlichen Drang, in diese Fenster auch tatsächlich hineinzuschaun. Eine Mischung aus fünfzig Prozent Neugier und fünfzig Prozent Voyeurismus. Wobei ich übrigens gleich sagen muss, dass die Abendunterhaltung der Schweden reichlich uninteressant ist. Sechzig Prozent sitzen vor der Glotze und vierzig Prozent spülen ab (die Schweden nehmen es mit blitzblankem Geschirr sehr genau).

Ach hätten die Schweden doch nur Gardinen!